"Das Persönlichste, was man geben kann. Womit man zeigen kann, wer man wirklich ist. Mit denen man spielen oder Bilder zeichnen kann. Welche von Erlebtem erzählen und widerspiegeln können, was man davon mitgenommen hat. Sie lassen einen träumen, dich vielleicht auch. Sie beleben Erinnerungen kurz wieder neu und halten fest, was nicht vergessen werden soll."

Episode 1

Wie fangen wir an, wo wir mal stehen geblieben sind?

Emma hat da mal irgendwann einen Punkt gesetzt und ist einfach so abgezwitschert. 
Ohne dieses "noch ein letztes Mal noch dies und das tun". 
Ohne die letzte Kartoffel Spezial beim Lord auf der Brückstraße. Ohne den dreifachen Espresso auf Eis nach durchtanzter Nacht auf dem Weg ins schwarz-gelbe Stadion. Ohne Bierbowle im Wenkers an einem warmen Sommerabend wann auch immer in der Woche, ohne letzte spontane Küchensausen an einem Freitag mit ihren Saturdaygirls, die sowieso im Moog, mit neuen - "die hab ich auf der Toilette kennengelernt"-besten Freundinnen für eine Nacht, endeten und vor allem ohne Bierpong unter Laternen im Park an einem random Montag mit Erfrischung um Mitternacht im 10 Zentimeter tiefen Pool am U. Ohne einem Donnerstag in der Oma Doris mit HipHop und Ina im Arm und Dummstin an den Tables. Ohne dem ein oder andern nochmal Tschüss oder Entschuldigung zu sagen ging Emma zum Bahnhof, nahm den Zug nach Hamburg und war weg.

und weg war se.

Den Abend bevor Emma eine Entscheidung traf stellte sie sich auf Zehenspitzen an ihr Wohnzimmerfenster und machte dieses Foto. Darauf die Häuser in der Friedrichstraße. Ein Bild, wie du es wahrscheinlich in so vielen Städten aufnehmen könntest, ähnliche Fassaden, gleicher Winkel. Doch für diese junge Frau war es mehr als nur Fassaden, verwechselbare Winkel und ein Blick aus einem Wohnzimmerfenster. Es war ihr Zuhause, das Zuhause der letzten vier Jahre mit einer Tonne an Erinnerungen und Erfahrungen. Das war Emma, das war sie, die Emma der letzten vier Jahre.

Vorerst ließ sie alles, was ihr kleines lautes Leben auf 60qm² ausmachte mit allen vor kurzem erst aufgeploppten Gefühlen zurück. Alle Menschen, die ihr mehr oder weniger ans Herz gewachsen waren und vor allem auch die, die ihre Base bildeten, ihre Dortmunder Familie. Die Menschen, die in den letzten vier Jahren eine Art Zuflucht geworden waren. Das war irgendwann Ende März, 2020. Kurz bevor der erste  Lockdown jegliches Denken der Menschheit komplett auf den Kopf stellte und insbesondere Emma noch nicht wusste, was die kommenden Monate auf sie zu rollen würde. 
Sie war gezwungen und überfordert und entschied aus dem Bauch heraus, ohne viel Hirn, einer kleinen Illusion und einem Wunsch hinterher, der da schon länger tief in ihr seinen festen Platz eingenommen hatte. 
Tja, also machen wir's kurz: auch wenn die offizielle Geschichte Coroni war, die sie "zwang" zu gehen, war sie es, die ganz ohne das Alles und vor allem ohne Zwang einen Grund fand neu anzufangen und diesen Ort zu verlassen. Obwohl Emma dieses Zuhause hatte, zog es sie doch so sehr an den nördlichsten Fleck in Deutschland. Einer Insel, die  etwas mit ihr machte,  ohne einen Blick zurück oder irgendeiner Rücksicht auf Verluste. Mit einem Rucksack, so groß wie sie selbst und zwei viel zu schweren Koffern stieg sie in den Zug  nach Hamburg, um dort den Zug nach Westerland zu nehmen. 

EPISODE 2


Der letzte Zug nach Hamburg, den sie nehmen konnte, um noch den Zug nach Sylt zu erwischen - das war der konkrete Plan, den Emma Anfang April 2020 nachmittags machte. Getrieben von einem unguten Gefühl, dass dieses Fenster des Aufbruchs aus dem jetzigen Leben und vor allem aus der Stadt rauf auf die Insel genau jetzt passieren sollte. Emma buchte sich das One-Way-Sparticket Dortmund - Westerland (Sylt), Abfahrt 17:25 Gleis 8. Sie buchte damit die letztmögliche Verbindung für den Tag, um an ihr nördlichen zu gelangen. Früher war einfach unmöglich, denn auch wenn sicher keine Zeit mehr bleiben würde Lena Tschüss zu sagen oder nochmal schnell den Lieblingssnack um die Ecke zu besorgen, so schaffte sie es wenigstens bis 17:00 den gesamten Kleiderschrank und alles, was ihr am wichtigsten war in die alten Koffer ihrer Eltern zu stopfen. Sie bestellte sich ein Taxi, welches sie dann pünktlich einsammelte und Emma am Nordeingang des Bahnhofs rauswarf. Zack noch einen Latte und eine Butterbrezel von Yormas auf die Hand und rein in den Zug. Sie war so beschäftigt mit ihren beiden Koffern, dem Reiserucksack und ihrer Tasche, dass nicht mal die Ausfahrt aus dem Dortmunder Bahnhof realisierte. Als sie endlich alles in den viel zu kleinen Gepäckaufbewahrungen der Bahn verstaut hatte und einen Sitzplatz in der Nähe gefunden hatte, fuhr der Zug schon durch den Kamener Bahnhof und damit war der Abschiedsmoment auch nur so an ihr vorbeigeflogen. Die Fahrt verging wie im Flug, hier und da schlich sich ganz nach DB-Mentalität eine Verspätung nach der anderen ein und so saß Emma von Hannover bis Hamburg mit gekreuzten Fingern und einem gekniffenen Lächeln da und hoffte, dass sie den Anschlusszug in Hamburg Altona noch irgendwie erwischen könnte. 


Natürlich klappte es nicht und sie fand sich um irgendwann kurz vor Mitternacht in dem Hotel für Gestrandete gegenüber vom Hauptbahnhof in Hamburg. 12 qm², drei Gepäckstücke und eine erschöpfte Emma, die irgendwie nicht so recht wusste, ob das hier nur ein klassischer Fall der zu spät und spontan gebuchten Fahrt mit der Deutschen Bahn war oder doch ein dickes Omen für die folgenden Monate auf ihrer heißgeliebten Insel. Mit den Mischgefühlen schlief sie ein und entschied kurz vorher noch, dass sie jetzt wenigstens am nächsten Tag keinen Stress mehr wollte und sich doch lieber noch das geschenkte Frühstück im Hotel gönnte, bevor sie dann den Zug nach Westerland nehmen würde.  


 

So verließ sie rechtzeitig das Hotel, holte sich wie schon den Abend zuvor einen Latte, dieses mal aber ohne Brezel, denn diese fand sie am unbekannteren Bahnhof nicht, und stieg gegen 10:00 in den Zug nach Westerland.

Als sie nach mehr als drei Stunden endlich auf Sylt aus dem Zug stieg, war sie so ziemlich die Einzige Reisende, die nicht freudig begrüßt wurde. Sie schleppte sich und ihren halben Hausstand an allen sich umarmenden Leuten vorbei und obwohl niemand auf sie wartete fühlte sie sich als würden die laut schreienden Möwen und der raue Wind sie begrüßen. Als würde der Ort sie damit in die Arme nehmen. Ganz glücklich mit diesem wärmenden Gefühl ging Emma zwischen den Reisenden Riesen auf die Kreuzung über den Bahnhofsvorplatz. Die neue Wohnung lag ganz in der Nähe des westerländer Bahnhofs. Nach nicht mal zehn Minuten steckte schon der Schlüssel in der blauen Haustür des alten Friesenhauses. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, lief es ihr kurz kalt den Rücken runter. Das war es jetzt, ihr vorerst "Neues Leben" - Ohne Lotta, ohne ihre altbekannten Freunde, ohne Job, ohne ihre Möbel, ihren Kleinkram und all dem, was ihre Wohnung in Dortmund für sie so wohnlich und heimisch machte.  

Die beiden Koffer und ihr Rucksack lagen in der kleinen Wohnung in der Küche verteilt. Alexa kämpfte auf Radioempfang gegen das Brummen hinter der Küchenwand an, das von den Maschinen der Wäscherei in der Maybachstraße kam. Während sie sich noch fragte, ob man sich jemals dran gewöhnen könnte, dass man sein eigenes Wort zwischen 6:00 und 16:00 Uhr nicht verstand, kam die Meldung im Radio, dass der Weg zur Insel über den Hindenburgdamm mit dem kommenden Tag nur noch den wirklichen Insulanern und denen, die laut Adresse welche waren, gestattet war. Da war er also der Lockdown. 

Episode 3

Lockdown. Auf der Insel im April.

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